Stadt der tausend Pferde

Gelsenkirchen, wie man es nicht mehr kennt ... 
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Des Rätsels Lösung heißt: "Grubenpferde" ! Ja, man wird es kaum glauben, aber hier mitten in Gelsenkirchen war das Zentrum des wohl größten und einzigartigsten Pferdeverleihs Europas. Die Firma Bischoff galt als AVIS oder SIXT-Budget seiner Zeit. Kleinere Betriebe machten zwar auch mit den Zechen ihre Geschäfte, aber Fa. Bischoff war der Tycoon der Szene. Das "Bischöffliche Palais" war genau gegenüber dem Hans-Sachs-Haus an der heutigen Ebertstraße (Versorgungsamt/Bildungs-Zentrum) angesiedelt und ganz im Prunkstil erbaut, wie es sich für Magnaten gehört. Der Vater Wilhelm Bischoff gründete das Geschäft , die "Montana-Transport-Aktien-Gesellschaft", im 19. Jahrhundert und Sohn Ernst (geb. 23.6.1874) baute es erfolgreich aus. Übrigens: Ernst Bischoff war mit der Tochter des damaligen Bürgermeisters Friedrich Wilhelm Vattmann verheiratet. Na, wenn das mal keine gute geschäftliche Grundlage war. Hier in Buer gab es die Brennstoff-Handelsgesellschaft in der Marienstr. 7, die mit der Zeche Hugo Geschäfte in Sachen Pferdeverleih machte.


Die sorgten sich wohl um ihr Firmenkapital, denn am 12. November 1939 mahnten sie die Zechenverwaltung in einem sehr detaillierten Brief an, die schweren Mängel in der Pferdehaltung zu beseitigen. Das war auch bitter nötig, denn die Grubenpferde hatten wie ihre menschlichen "Kollegen" nicht nur einen sehr langen und schweren Arbeitstag ( 8 Stunden unter Tage, 10 Stunden über Tage), sondern sie blieben nach "Feierabend" auch noch unten im Bergwerk. Die buersche Firma legte auch in einem weiteren Vertrag von 1939 fest, daß möglichst ein einzelnes Pferd pro Tag nur eine einfache Schicht zu arbeiten hatte.

Wie weit sich das in den Kriegsjahren verwirklichen ließ, sei dahin gestellt. Die Blütezeit der Grubenpferde war da aber längst vorbei. Zum Vergleich: Grubenpferde kamen im Ruhrgebiet ab 1853 zum Einsatz (in Buer -Zeche Hugo- ab 1.3.1885). 1913 (also zu Bischoffs Hochzeiten) gab es in ganz Preußen 11.700 Grubenpferde. Ab 1920 ging durch die Mechanisierung die Zahl langsam zurück und 1963 gab es in ganz Deutschland noch 36 Grubenpferde. Immerhin ! 1966 wurde auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen das letzte Grubenpferd ans Tageslicht zurück geholt. Die Tiere waren aber durchweg nach der langen Untertagearbeit verbraucht und krank. Zwar hatten sie nicht wie ihre zweibeinigen Kumpel mit einer Steinstaublunge zu kämpfen, aber durch die hohen Temperaturen wurden sie dämpfig. 90% aller Grubenpferde hatten Augenleiden. Durch Stoßverletzungen fehlten ihnen oft ein Auge oder sie erblindeten durch die ständige Dunkelheit.

Pferde, die zur "Erholung" auf die Weide sollten, mußten erst wieder ans Tageslicht gewöhnt werden. Dazu gab es spezielle Brillen, die jeden Tag nur etwas Licht ans Auge ließen. So manches Pferd kam aber auch vom Regen in die Traufe. Gelegentlich bereicherten sich die Bauern, bei denen die Pferde zur Pflege waren, an ihnen. Einige spannten die kranken Tiere vor ihre Karren, andere verfütterten das zusätzlich gelieferte Kraftfutter an ihre eigenen Tiere.

 

Jedenfalls bestand immerhin für einige Pferde ab dem 24.11.1933 die Hoffnung, alle 2 Jahre ausgewechselt zu werden. Das neue Tierschutzgesetz trat in Kraft. Ein Fortschritt, der auch kontrolliert werden wollte. In England machte man da um die Grubenponys nicht so viel Aufhebens. Die blieben einfach unten, bis sie tot waren und fertig!

Je weiter die Industrialisierung fortschritt, je näher rückte aber auch hier in Gelsenkirchen die letzte Schicht für das Grubenpferd. Der Aufwand, die Pferde zu halten, war doch erheblich. Jeden Tag mußten pro Pferd je nach Größe, 15 Pfund Hafer und 20 - 25 Pfund Heu und Stroh heran geschafft werden. Außerdem für jedes Tier Trinkwasser, denn das Grubenwasser ist sehr stark mineralhaltig und somit zum Tränken nicht zu gebrauchen. Das salzhaltige Wasser in den Stollen machte den Tieren auch anderweitig sehr schwer zu schaffen. Hufkrankheiten, verursacht durch die ständige Feuchtigkeit, zogen Lahmheiten hinterher und ein Wundreiben durch die Geschirre war praktisch nicht zu vermeiden. So konnte man unserem "letzten Grubenpferd" Alex nur wünschen, 1949 einen guten "Rentenplatz" gefunden zu haben. Eine schön bepflanzte Gedenkplatte am Bahnwärterhäuschen in Beckhausen erinnert an ihn und seine Kollegen Kastor, Lotte, Leo, Ida und Pollux.

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